BENIN
600 JAHRE HÖFISCHE KUNST AUS NIGERIA
8. Feb.- 25. Mai 2008 Ethnographisches Museum Staatliche Museen zu Berlin
Benin - 600Jahre höfische Kunst aus Nigeria
Das
Königreich Benin im Süden des heutigen Nigeria gelangte vor allem durch
Handel und Kriegerische Expansion zu Reichtum und Macht. Die bis 1897
herrschende Königsdynastie, der auch er gegenwärtige König von Benin
angehört, leitet sich von einem Prinzen aus dem benachbarten Stadtstaat
Ife her. Sie regierte das Reich den mündlichen Überlieferung zufolge
seit dem 13. Jahrhundert. Die Könige nennen sich „Oba“, und der
heutige Oba Erdiauwa gilt als 38. Herrscher dieser Dynastie.
Seit
dem 13. Jahrhundert bezeichnete sich das Königsreich als „Ubini“. Als
portugiesische Seefahrer 1472 an der Küste anlegten, nannten sie es „O
Beny“, Benin. Im 15. Jahrhundert soll ein bedeutender König das Reich
und seine Hauptstadt in „Edo“ umgetauft haben, eine Bezeichnung, nach
der die Bevölkerung sich und ihre Sprache noch benennt.
In
Gilden organisierte Künstler schufen beeindruckende Plastiken aus
Messing und feine Elfenbeinschnitzereien für den Königshof. Diese
Kunstwerke waren in rituellen und zeremoniellen Kontexten von
herausragender Bedeutung. Messing galt aufgrund seiner Haltbarkeit und
seiner glänzenden Oberfläche als königliches Material, das dem Oba
vorbehalten war.
„Gedenke“ oder „sich erinnern“ heißt in Edo
wörtlich „ein Motiv in Messing gießen“. Kunst war in Benin aufs engste
mit der Produktion des kollektiven Gedächtnisses und der Macht des Oba
verbunden. Die Ausstellung fasst die Kunstwerke nicht vereinfachend als
Abbildung der Realität auf. Sie zeigt vielmehr die Bedeutung, die
Kunst im Laufe der Geschichte Benins für die Herstellung und
Strukturierung sich verändernder kultureller und sozialer Ordnungen
hatte. Während dieses 600-jährigen Prozesses wurden in Benin die
Kunstwerke und ihr formales Repertoire entsprechend den jeweiligen
Erfordernissen immer wieder neu interpretiert. Aber auch die
europäischen Sichtweisen auf Kunst und Kultur Benins wechselten seit
der ersten Begegnung im 15. Jahrhundert. Die Ausstellung zeigt diese
sich ändernden Perspektiven quellenkritisch auf. Sie verdeutlicht, wie
durch Kunst an der Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart,
dem Eigenen und dem Fremden immer neuer Sinn gestiftet wird.
Regionaler und Globaler Kontext Politik
und Kunst Benins sind tief in den Traditionen ihres Umfeldes – der
Waldregion der Guinea-Küste - verankert. Die für Kultur Benins zentrale
Technik des Metallgusses existierte zum Beispiel schon in Igbo-Ukwu im
9. und 10.Jahrhundert. Ab dem späten 1. Jahrtausend entstanden in er
Region eine Reihe von Kleinstaaten und kleinere Königreiche. Am bedeutendsten waren neben Benin Ife, das zwischen dem 12. und 15.
Jahrhundert das mächtigste Königtum war, außerdem Ijebu Ode und Owo ab
Beginn des Jahrhunderts. Nicht nur in Ife und Benin, sondern in den
anderen Zentren wurden Werke aus Messing oder Terrakotta produziert,
und es bestand sehr wahrscheinlich ein künstlerischer Austausch. Auch für
die spätere Zeit lassen sich Stileinflüsse von Vasallenstaaten auf die
Kunst Benins nachweisen. Ebenso wie viele Parallelen in der Ikonegraphie.
Mit
dem Auftreten europäischer Händler an der westafrikanischen Küste seit
dem 15. Jahrhundert und der Entdeckung Amerikas verschoben sich die
wichtigsten Handelswege zwischen Westafrika und Europa von der Sahara
an die Küste und den Atlantik. Von dem so entstehenden Dreieckshandel
zwischen Europa, Afrika und Amerika, profitieren Benin und andere
aufstrebende Königreiche in Küstennähe. Die Ausdehnung Benins
variierte über die Jahrhunderte. Viele der eroberten Gebiete wurden dem
Reich nie wirklich einverleibt, sonder nur zu Tributzahlungen
verpflichtet. Den Höhepunkt seiner Macht erreichte Benin im späten 16.
Jahrhundert. Die darauf folgenden Jahrhunderte waren durch einen
graduellen Rückgang des von Benin kontrolliertem Gebiet gekennzeichnet, im
18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts führten Eroberungen zu neuer
Stärke.
Benin und Europa – Begegnung und Handelaustausch Das
Königreich Benin stand über Jahrhunderte im Kontakt mit Europa. Der
Handel mit en Europäern vergrößerte den Reichtum Benins und begünstigte
dessen Expansion vor allem durch den Import von Feuerwaffen. Durch
große Mengen an importiertem Kupfer und Messing gelangte die
Kunstproduktion zu einer großartigen Blüte. In den anfänglichen Handel
mit den Portugiesen schalteten sich seit Ende des 16. Jahrhunderts auch
Niederländer, Franzosen und Engländer ein. Nach dem ersten Besuch von
Alfonso de Aveiro in der Stadt Benin in 1486 begann ein freundlicher
Kontakt mit den Portugiesen. Abgesandte des Hofes von Benin reisten
nach Portugal und brachten von dort Geschenke des Königs mit. Händler
bestellten in Benin Elfenbeinschnitzereien nach europäischem Geschmack.
Im Gegenzug fanden zahlreiche Luxusgüter aus Europa und Asien,
darunter vor allem Stoffe und Korallenperlen, ihren Weg nach Benin.
Wichtigste
Exportgüter Benins waren anfangs guineischer Pfeffer, dann Elfenbein,
Stoffe aus Baumwolle und feinem Raphiabast, Rotholz sowie im 19.Jahrhundert vor
allem Gummi und Palmöl. Auch der Verkauf von Sklaven spielte von
Anfang an bis zur Unterbindung des transatlantischen Sklavenhandels zu
Beginn des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Der Oba (König) selbst
kontrollierte und regulierte den Handel mit den Europäern durch
Einsetzung kommissionierter Händler. Seine wichtigste Strategie bestand
darin, den Markt bei Unstimmigkeiten zu schließen um Druck auf die
Handelspartner auszuüben und ihn nach einer Einigung wieder zu öffnen. Der
Austausch mit Afrika und insbesondere der Sklavenhandel stellen einen
Grundpfeiler der Entwicklung des modernen Europas da. In den amerikanischen Zuckerrohr - Plantagen wurde durch die Sklavenarbeit
eine frühindustrielle Produktionsweise entwickelt, die dann in den
Metropolen zur Entfaltung kam. Der Handel leistete einen wichtigen
Beitrag zur ökonomischen Entwicklung u.a. der Schifffahrt, des
Textilgewerbes und der Metallbearbeitung. Im geistigen Bereich wurde
Afrika als Projektsfläche für das in Europa Unterdrückte und zugleich
gefährlich Faszinierende etabliert. Dieser Prozess trug wesentlich zur
europäischen Identitätsfindung in der Neuzeit bei.
Stadt und Palast Der
Königspalast, eine imposante weitläufige Anlage, welche die
Reichsaltäre beherbergte, bildete stets den geographischen, politischen
und spirituellen Mittelpunkt er Hauptsstadt und des Königreichs. Auch
wirtschaftlich das Zentrum des Reiches, besaß die Stadt Benin ein
weitläufiges Netz von bis zu 40 m breiten Straßen. Ein komplexes und zu den weltweit längsten Erdstrukturen zählendes Wallsystem mit neun Toren
schützte die Stadt vor Eindringlingen. Diese war zweigeteilt: In den zum
Palast gehörigen Bezirk – Ogbe-, in dem die höfischen Würdenträger
residierten, und in die restliche Stadt - Ore.
Die
Palastanlage umfasste den privaten Wohnbereich des Königs, königliche
Altäre, diverse Versammlungshöfe, die Quartiere der drei
Palastgesellschaften sowie jene der Frauen und Kinder des Königs. Die
aus Lehm errichteten Außen- und Innenmauern des Palasts waren mit einem
für Benin charakteristischen horizontalen Rillenmuster überzogen, das
nur den Gebäuden der königlichen Familie und der Aristokratie
vorbehalten war. Die äußeren Mauern sollen fast 7 m hoch und an der
Basis mehr als einen Meter dick gewesen sein. Der Zutritt zum
Palastgelände war und ist immer noch streng kontrolliert. Bestimmte
Bereiche waren ausschließlich besonderen Gruppen von Palastangehörigen
vorbehalten. Die frühen europäischen Besucher zeigten sich von Größe,
Ordnung und Architektur der Stadt und besonders der königlichen
Palastanlage beeindruckt. Olfert Dappert verglich in seiner
Beschreibung Afrikas (dt. 1670) ihre Größe mit der der holländischen
Stadt Harlem und die Säulengänge des Palastes mit der Börse von
Amsterdam – damals das finanzielle Zentrum des Europas. Im 19.
Jahrhundert änderte sich die Stimmung in Europa, und es finden sich abwertende Beschreibungen von Stadt und Palast. Sie sind Teil einer negativen
Wahrnehmung Benins kurz vor der Kolonialeroberung. Teilweise spiegeln
sie aber auch eine tatsächliche politisch–wirtschaftliche Krise des
Königreichs wider, die durch den Kolonialen Druck verursacht worden war.
Begründung der Ordnung und Expansion des Königtums – 15.-17. Jahrhundert Die
Zeit zwischen ca. 1450 und dem Ende des 16. Jahrhundert bildet den
ersten entscheidenden Zeitabschnitt in der Geschichte Benins. Unter der
Führung so genannter Kriegerkönige und begünstigt durch den Kontakt mit
den Portugiesen vollzogen sich interne Konsolidierung und externe
Expansion des Königreichs. Die Politische Organisation wurde neu
definiert und das ideologische Fundament des als sakral definierten
Königtums gefestigt.
Die Überlieferungen verbinden diese
Entwicklung hauptsachlich mit den Namen von drei Königen. Dabei
werden möglicherweise sich über längere Zeiträume erstreckende
Entwicklungen auf die Regierungszeit dieser Herrscher verkürzt: Der
erste Kriegerkönig Ewuare (ca. 1440-1473) soll nach einem Brand die
Stadt neu gegründet und ihr die in ihren Grundsätzen immer
beibehaltene Struktur gegeben haben. Oba Ozula der Eroberer
(ca.1481-1504) gilt als der erfolgreichste und gleichzeitig grausamste
Kriegsherr in der Geschichte Benins. Unter ihm begann die Entfaltung
des Handels mit den Europäern. Portugiesische Söldner kämpften in
Feldzügen mit Feuerwaffen an der Seite des Oba und trugen dazu bei,
dass zu Esigies Regierungszeit (ca. 1504-1550) das Reich die größte
Ausdehnung seiner Geschichte erlangte. Esigie ist heute als mächtigster
Herrscher in der Geschichte Benins in Erinnerung.
Mit der politischen und ökonomischen Expansion ging eine Blüte der Geschichte
einher. Durch steigende Messingimporte aus Europa wuchs die Zahl der
Kunstwerke stark an. Die neu konzeptualisierte politisch-kosmische
Ordnung wurde besonders durch die eindrucksvollen Reliefplatten aus
Messing gleichsam in die königliche Palastanlage, den Mittelpunkt von
Reich und Welt, inkorporiert. Die verwandten Themen von Krieg,
militärischer Macht und höfischen Prunk dominierten die Ikonographie.
Ästhetisch herausragende Altarköpfe verstorbener Könige und gefallener
Feinde standen im Zentrum des jährlichen Ritual-Zyklus Zu Ehren der
königlichen Ahnen und zur Erneuerung des Königtums.
Kunst diente
nicht nur zur Repräsentation und Erinnerung, sie lieferte die einzige
gültige Interpretation der Realität. Materialen wie die königlichen
Korallenperlen und Messing haben im Verständnis der Edo eine Aura von
Macht, Dauerhaftigkeit, Realität. Die Schöpfung der Kunstwerke im
übernatürlich legitimierten königlichen Kontext und in den für ewig
währenden königlichen Materialen war also nicht nur Abbildung, sondern
Herstellung von Realität.
Politische Organisation und Hierarchie Im
Zentrum der Welt Benins stand die sakrale Institution des Königtums.
Der Oba war die höchste politische und religiöse Autorität. Er galt als
die letzte Instanz der Rechtsprechung und konnte als einziger die
Todesstrafe verhängen. Die Heiligkeit seines Amtes wurde durch eine
komplexe Symbolik untermauert und durch zahlreiche Privilegien gesichert. Das
Symboltier des Oba war der Leopard.
Während die rituelle
Bedeutung des Oba uneingeschränkt war, wurde seine politische
Machtausübung durch eine Hierarchie von mächtigen Würdenträgern
begrenzt. Die Herrschaftsstruktur wurde durch ein komplexes
System von erblichen und nichterblichen Titeln gekennzeichnet. Einen
wichtigen Rang besaßen die sieben Uzama oder Königsmacher als Vertreter
des Landes. Zu den Trägern nichterblicher Titel zählten vier mächtige
Stadtherren, die als Vertreter des Volkes einer Hierarchie von
Würdenträgern vorstanden.
Der direkten Kontrolle des Königs
unterlagen drei große Palastgesellschaften: die Iwebo, die Iwegua und
Ibiwe. Erstere, die so genannte Hofmeister-Palastgesellschaft – Iwebo
–war für die Insignien und die Ausstattung des Königs zuständig. Die
zweite Palastgesellschaft - Iweguae- verrichtete den persönlichen
Dienst am König. Ihr waren seine Pagen, aber auch Weissager, Mediziner
und Priester zugeordnet. Die dritte Palastgesellschaft - Ibewe
–schließlich war für die Betreuung der Frauen und Kinder des Königs
verantwortlich.
Die Königinmutter, Iyoba, besetzte als einzige
Frau eines der höchsten Ämter in Benin; sie war in der politischen
Hierarchie den obersten städtischen Titelträgern zugeordnet. Das Amt
des Königinmutter wurde den mündlichen Tradition zufolge im frühen 16.
Jh. durch Oba Esigie zum Dank für die für die tatkräftige Unterstützung
durch seine Mutter Ida eingeführt, die ihm durch Geistesschärfe und
übernatürliche Kraft bei Feldzügen zur Seite gestanden hatte.
Interessanterweise gibt es jedoch auf den Reliefplatten keine Abbildung
von Königinmüttern, obwohl ihr Amt schon in europäischen Berichten aus
dem 17. Jahrhundert erwähnt wird.
Objekte und Herstellung von Hierarchie Im
historischen Reich Benin dienten Kunstformen, Insignien und
Luxusgegenstände als Mittel der sozialen Positionierung des Individuums
in der politischen Hierarchie. Kennzeichnende Attribute der zahlreichen
Amtträger und der Hierarchie am Hofe waren Kleidung und Accessoires.
Bestimmte Materialen wie Elfenbein und Kunstformen wie Plastiken aus
Messing, aber auch Kleidungsstücke und Schmuckstücke blieben
hochrangigen Würdenträgern oder der königlichen Familie vorbehalten.
Ausschließlich für den König reservierte Kleidungsstücke aus wertvollen
Korallen- oder Achatperlen verweisen nicht nur auf seine abgehobene
Position in der Gesellschaft, sondern galten als Verkörperung des
Königtums selbst. Als die zentralen Insignien seiner Macht dienten die
beiden Zeremonialschwerter ada und eben, die gleichzeitig auch sein
exklusives Recht der Entscheidung über Leben und Tod versinnbildlichten.
Bekleidung,
Attribute und Schmuck waren in Benin mehr als bloße
Repräsentationsgegenstände. Sie beschützen den Träger und
demonstrieren seine spirituelle Macht. Ihr Besitz vergegenständlichte
die Lebensleistung des Individuums. Damit waren die Luxus-Gegenstände
auch in die politischen Strategien eingebettet. Der König besaß
einerseits die Möglichkeit, Würdenträger und Amtsinhaber durch die
Vergabe und den Entzug von Privilegien wie das Tragen von
Korallenperlen oder Zeremonialschwertern zu kontrollieren. Anderseits
konnten hohe Titelträger neue Privilegien, wie die Verwendung von
Elfenbein und Messingplastiken, durchsetzen und dadurch die Macht des
Königs in Frage stellen. Dies war besonders im 18. Jahrhundert nach
einer schweren Krise des Königtums der Fall.
Wiederholung als Gestaltungsprinzip Charakteristisch für die Kunst Benins ist die Wiederholung des gleichen Motivs in verschiedenen Kunstformern und Materialen. Bestimmte
Motive, wie der so genannte „Schicksalsvogel“ finden sich als
freistehende Plastik, als emblematisches Bild auf Reliefplatten und als
Krönung von Klangstäben, die wiederum auch in ihrem Gebrauch in
Zeremonien auf den Reliefplatten dargestellt werden. Die gleichen ikonographischen Elemente, wie Portugiesenfiguren oder –köpfe, kommen
auf Kleidung, Zeremonialgegenständen, Insignien, Reliefplatten und als
Plastiken vor. Das in Plastiken und Reliefplatten in Verbindung zum Oba
oft wiederholte Leopardenmotiv verschaffte auf Kleidung und Insignien
der Krieger eine Verbindung zum oba und gab Schutz. Die Wiedergabe
eines Amtsinhabers auf dem ihn kennzeichnenden Stab dient
möglicherweise zur Vergegenständlichung und damit zur Bestärkung seines
Status. Gegenstände, die ursprünglich aus Holz, Leder, oder Keramik hergestellt wurden, aber auch natürliche Dinge wie bestimmte
Opferfrüchte, wurden für den Gebrauch am Hof bei Audienzen und
Zeremonien kunstvoll in den königlichen Materialen Messing und Elfenbein
nachgebildet und auf den Reliefplatten sowohl in ihrer Verwendung als
auch als Einzelobjekt dargestellt. Die Köpfe von Opfertieren und
besiegten Feinden wurden in Reliefplatten wiedergegeben.
Die Reliefplatten im europäischen Blick Trotz
der großartigen Weltdarstellung auf den Reliefplatten haben diese im
Blick der europäischen Benin–Forschung des 20. Jahrhunderts keine hohe
Würdigung gefunden. Unterstellt wird ihnen monotone Konformität,
geringe Originalität, uninspirierter Formalismus. Diese serielle
Gestaltung war jedoch vermutlich gerade die Intention der Künstler. Wir
finden hier eine Bildsprache, die nicht die äußere Ähnlichkeit
anstrebt, sondern durch Wiederholungen, Aneinanderreihungen, Additive
Komposition von Menschen, Elementen des Kosmos, Tieren und Dinge die
Vollständigkeit der Darstellung zum Ziel hat. Erfasst wird eine höhere
Realität, die alle ihre sozialen, natürlichen und übernatürlichen
Aspekte umschließt. Einige Werke, die bestimmte Handschriften zu tragen
scheinen, wurden aus der negativen Beurteilung herausgenommen, darunter
die subtil wirkenden Gestalten des „Meister des eingekreisten Kreuzes“
und die nicht gedrängten Reliefs des „Meister der Schlachten“. Als kreativster Künstler gilt der „Meister der Leopardenjagd“, der dem
europäischen Geschmack näher kommendere, genrehaft wirkende Szenen
kreierte und möglicherweise auch von europäischen Vorbildern inspiriert
war. Entsprechend dem generellen Stereotyp einer „Degeneration“ von
Kunst und Politik in Benin, das auch die koloniale Eroberung
rechtfertigte, werden die „großen Meister“ in die frühe Zeit der
Plattenproduktion datiert. In Wirklichkeit gibt es keinen Anhaltspunkt
für eine frühere oder spätere Datierung bestimmter Plattengruppen
innerhalb der angenommenen Zeit ihrer Herstellung im 16./17. Jahrhundert. Auch das vermeintlich Genre-Hafte der Reliefs des „Meister
der Leopardenjagd“ ist vermutlich eine europäische Projektion: Als
Darstellung von Ritualen, der Jagd auf Opfer und symbolische Tiere wie
die Leoparden und des Sammelns von Opferfrüchten haben die Szenen
weniger einen narrativen als eher eine emblematischen Charakter, wie
vermutlich auch die Schlachtenszenen.
Königliche Altäre – Das sakrale Zentrum des Königtums Im sakral begründeten Königtum Benin bildeten die göttliche, die natürliche und die
politische Ordnung eine Einheit. Das Wohlergehen des Königtums war
identisch mit dem des ganzen Landes.
Die Ahnenschreine und
Reichsaltäre im Königspalast waren der heiligste Ort und der Kern
des Königtums. Als Voraussetzung für seinen Amtsantritt musste der Thronfolger einen Bronzekopf des verstobenen Königs in Auftrag
geben und zu dessen Ehren einen Ahnenaltar errichten. Einzig für die
Gedenkaltäre von Königinmüttern durften ebenfalls Messingköpfe
verwendet werden.
Die königlichen Gedenkaltäre standen im
Zentrum eines aufwändigen jährlichen Zyklus von Ritualen. Diese
dienten dem Kult der königlichen Ahnen – den Beschützern des gesamten
Landes - der Erneuerung der mystischen Kraft des Oba und der
spirituellen Reinigung des Königtums. Damit wurde das Wohlergehen des
Königreichs als Ganzes gewährt. Ausgedehnte Tieropfer waren eines
der Mittel um mit der Welt der Ahnen und der übernatürlichen Kräfte in
Kontakt zu treten. Durch die Abbilder geköpfter Tiere in Messing auf den
königlichen Altären waren sie verewigt. Als typische Kunstform der
kriegerischen Expansionszeit Benins erinnerten auch Trophäenkopfe aus
Messing immer wieder an den Sieg über ruhmvolle Gegner. Teil der
Restauration war ein umfassendes künstlerisches Programm, das der
Wiederherstellung der Herrschaftslegitimation diente.
Zwischen
dem 16. und 18. Jahrhundert wurde Afrika - damit auch Benin - in Europa
als Gegenbild des Eigenen konstruiert. Zentral war dabei der religiöse
Bereich. Der Kontinent wurde als außerhalb der göttlichen Gnade
stehender Hort von ldolatrie und Fetischismus, der Verehrung
„selbstgemachter“ Götter (im Gegensatz zur offenbarten Gottheit des
Christentums), disqualifiziert. Damit projizierte man auf Afrika jene
Praktiken von Götzen- und Teufelsanbetung, deren Verfolgung zur gleichen
zeit eines der Hauptanliegen der Kirchen in Europa war. Einen weiteren
Beweis für die „Verdammnis“ Afrikas sah man in den angeblichen
Menschenopfern in Benin. Zwar scheinen diese als höchste Opferreform in
Benin tatsächlich stattgefunden zu haben, eine kritische Überprüfung
der europäischen Berichte auf ihre Stichhaltigkeit steht aber noch aus.
Krise und Restauration des Königtums 18. und 19. Jahrhundert Das
17. Jahrhundert war für Benin eine Phase der Dezentralisierung und des
Machtzuwachses von reichen Würdenträgern und Kriegsherren. Einer der
Gründe für die Instabilität waren Machtfolgerivalitäten. Zugleich
hatten die Könige das wirtschaftliche Monopol verloren, da die Handelsinteressen der Europäer sich auf Textilien verlegt hatten, deren
Produktion nicht der Kontrolle des Oba unterstand. Konkurrierende Yoruba–Reiche schwächten zusätzlich die Stellung Benins.
Der
Niedergang des Königtums gipfelte in einer moralischen
Legitimationskrise. Als der Tradition zufolge Oba Ewuakpe (ca.
1700-1712) anlässlich des Todes seiner Mutter in großem Ausmaße
Menschenopfer anordnete, rebellierten seine Untertanen und vertrieben
ihn. Erst die Selbstopferung seiner Frau Iden soll seine Rückkehr zur
Macht ermöglicht haben. Sein darauf folgender ökonomischer Erfolg
resultierte aus dem wieder einsetzenden Elfenbeinhandel mit den Niederländern.
Seinem Nachfolger Akenzua I. (1713-1735) gelang
es, die ökonomische und politische Kontrolle wieder zu festigen. Durch
den Handel mit Elfenbein, Rotholz und Sklaven kamen er und sein Sohn
Eresoyen (ca. 1735-1750) zu in Benin bisher unbekannten Reichtümern.
Allerdings war es durch die vorausgegangene Krise des Königtums
unmöglich geworden, den Krieg und Stadtherren bestimmte Machtfunktionen
vorzuenthalten. Daher führte Akenzua 1. für etliche Funktion erbliche
Titel ein. Der Kanon der Kunst wurde um neue formen und Motive
erweitert, die dem Königtum auf der Basis der geheiligten
Überlieferungen aus der Vergangenheit eine neue Gestalt gaben. Zum
ersten Mal hoben individuelle Zeichen und emblematische Porträts einzelne
Könige und ihre Leistungen hervor. Die Aufnahme des
Bildrepertoires der Vergangenheit, z.B. auf beschnitzten
Elefantenstoßzähnen für die königlichen Altare, stellte einen bewussten
Rückbezug auf den Ruhm der mächtigen Könige des 16. Jahrhunderts als
Legitimationsquelle für die gegenwärtigen her. Besonders Eresoyen
erneuerte das ideologische Fundament des Königtums, indem er dessen okkulte und Furcht erregende Kräfte betonte und verstärkte, die
ebenfalls durch die Kunst vergegenständlich wurden. Als Mittel im
politischen Kampf stellten Könige und Würdenträger dieser Zeit
Reichtümer und Kunstobjekte verschwenderisch zur Schau.
Die Furcht einflössende spirituelle Macht des Oba Neben
der dynastischen Legitimität bildete die schreckenerregende
übernatürliche Macht des Oba das beherrschende Thema der Kunst des 18.
und 19. Jahrhunderts. Besonders Eresoyen (ca. 1735-1750) stärkte den
mystischen Aspekt des sakral fundierten Königtums in ihrer
Auseinandersetzung mit den mächtigen Würdenträgern und Kriegsherren. Schreine für unterschiedliche Gottheiten, die von
religiösen Spezialisten kontrolliert wurden, verschafften dem Oba die
Verbindung mit Furcht erregenden, ambivalenten Kosmischen Kräften. Er
konnte sie zum Wohle de Königtums, aber auch zur Bestrafung seiner Feinde
einsetzen. Olokun, Pendant zum König als Herrscher einer Gegenwelt
unter Wasser, spendete Fruchtbarkeit, Reichtum und Glück; er bestrafte
aber auch jede Übertretung der göttlichen Ordnung. Ogun, die
Schutzgottheit des Krieges, des Eisens und der Metallverarbeitung,
befähigte den Menschen, Geräte, Kunst und vor allem Waffen herzustellen.
Besondere Gefahr ging von Osun aus, der spirituellen Kraft, die hinter
medizinisch nutzbaren Pflanzen, Insekten und Reptilien stand. Die
Altäre insgesamt, aber auch Objekte wie königliche Stäbe, Medizinhörner
und Gefäße waren mächtige Speicher okkulter Kräfte, die durch rituelle
Handlungen entfesselt werden konnten. Höchster Ausdruck der königlichen
Macht über Leben und Tod war die Opferung von Menschen, die nur vom Oba
als Vermittlungsakt zur übernatürlichen Sphäre vollführt werden
konnte. Darstellungen von geköpften Menschen verkörpern den Schrecken,
der die Feinde de Königs erwartete.
„Die Hände, mit denen sie den Aufstieg des Oba auf den Thron bewerkstelligt“ – Wiederbetonung der Rolle der Königsmutter
Das
Amt der Königinmutter (lyoba) bestand vermutlich seit dem 16.
Jahrhundert; von den 38 Obas der gegenwärtigen Dynastie konnten jedoch
nur 17 lyoba ernennen. Gerade aus der Krisenzeit im 17. Jahrhundert
sind kaum Königinmütter bekannt. Die Überlieferungen machen für den
Höhepunkt der Krise, die Rebellion gegen Ewuakpe, sogar seine verhasste
Mutter verantwortlich.
Teil der Restaurationsstrategie
des 18. Jahrhunderts war deshalb eine Stärkung der Rolle der
Königinmutter als einem der höchsten politischen Amtsträger Benins. Die
Lyoba besaß einen eigenen Palast in dem vom Königspalast etwas
entfernt gelegenen Viertel Uselu, in dem der Kronprinz residierte. Die
Einsetzung einer Königinmutter wies nicht nur darauf hin, dass er
regierende Oba über die Macht verfügte, sie anerkennen zu lassen. Der
Lyoba wurden stärke Kräfte zugeschrieben, die sie in den Dienst des
Thronaufstiegs und der Machterhaltung ihres Sohnes stellte. Vermutlich
bildete auch ihre Verwandtschaftsgruppe eine wichtige Stütze der königlichen Macht.
Auch dieses politische Programm wurde in
der Kunst umgesetzt. Sind aus früheren Zeiten nur Gedenkköpfe von
Königinmüttern bekannt, so vermehrten sich im 18. und 19. Jahrhundert
die Darstellungen der lyoba in Messing und Elfenbein. Alle neu
eingeführten Kunstformen waren auch ihnen gewidmet. Die Königinmütter
werden als Hinweis auf ihre politisch hochrangigen Ämter mit
Insignien aus Korallenperlen und in Begleitung eines – z.T. auch
männlichen – Gefolges gezeigt. Charakteristisch für ihre Darstellung ist
vor allem die hohe, leicht nach vorne gebogene und mit einem Korallennetz
überzogene Frisur.
Ahnenaltäre und Altäre der Hand im 18. und 19. Jahrhundert Die
religiösen Praktiken und der Ahnenkult am Hofe setzen sich in der
Hierarchie nach unten in entsprechender Abstufung fort, was sich auch
in der unterschiedlichen Ausstattung der Altäre zeigt. Im präkolonialen
Benin waren Messing und Elfenbeinobjekte auf Ahnenaltären – mit
Ausnahme von Messingglocken – dem König oder die Königinmuter
vorbehalten. Das Privileg der Verwendung von Kunstformen konnte aber
entsprechend den Machtverhältnissen ausgehandelt werden. Seit dem 18.
Jahrhundert durften Würdenträger neben anderen Holzobjekten auch
hölzerne Gedenkköpfe auf ihren Altären aufstellen, die z.T. mit
importiertem Messingblech überzogen waren. Die mächtigsten unter ihnen
besaßen auch Ahnenstatuen aus Holz, beschnitzte Elefantenzähne, der
Kriegsherr Ezemo sogar Messingobjekte.
Die „Altäre des
Kopfes“ waren Ahnenkult und damit dem ererbten Status einer Person
gewidmet. Die „Altäre der Hand“ dagegen stellten ihre individuelle
Leistung, d.h. den erworbenen Status in den Vordergrund. Wie in den
emblematischen Porträts zeigt sich hier eine Tendenz zur
Individualisierung und Hervorhebung des persönlichen Erfolgs. Auch in
der kompetitiven Zurschaustellung von Reichtümern und Luxusgütern im
18. Jahrhundert kommt dies zum Ausdruck. Diese Tendenz ist vermutlich
auf die Ausweitung des monetären Austauschs mit Geld in Form der vom
Meeresgott Olokun stammenden Kaurischnecken durch den steigenden
Elfenbein- und Sklavenhandel mit Europa zurückzuführen. Seit
dem 18 Jahrhundert finden sich auch die ersten Beschreibungen von
Altären in den Berichten von europäischen Besuchern des Königreichs.
Entsprechend dem alten abwertenden Stereotyp missverstanden diese die
machtbeladenen Objekte auf den Altären meist als Juju Fetische oder
Götter des Königs.
Vorspiel zur Kolonialeroberung – Das späte 19 Jahrhundert Seit
1800 wurde die politische Machtposition des Oba durch Palastintrigen
und Nachfolgerivalitäten zunehmend geschwächt. Die Präsenz der Briten
an der Küste entwickelte sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu
einer ständigen Bedrohung. Die Königin zogen sich immer mehr auf ihre
rituelle Rolle im abgeschlossenen Bereich des Palastes zurück.
Mit
dem Ende des Sklavenhandels zu Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich das
europäische Interesse auf den „legitimen“ Handel mit Palmöl und
landwirtschaftlichen Produkten verlagert. Für die sich in Westafrika
etablierende britische Kolonialmacht wurde das unabhängige Reich
zunehmend zum Haupthindernis für die territoriale Expansion und die wirtschaftliche Ausbeutung des reichen Landesinneren. König Ovonramwen,
der 1888 inthronisiert wurde, geriet durch die Briten und ihr 1884
gegründetes Nigerküsten-Protektoat immer stärker unter Druck. Die
Kolonialadministration hatte begonnen, mit benachbarten Machthabern so
genannte Schutzverträge abzuschließen, mit denen sie die Kontrolle
über die Territorien – im Gegenzug zum Schutz gegen Feinde –
beanspruchte. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang dies
schließlich 1892 auch mit dem Oba von Benin.
Das gespannte
politische Klima am Vorabend der Kolonialeroberung reflektieren
informelle Schnitzereien, die von den Pagen des Königs, den Emada,
hergestellt wurden. Sie stellen die Europäer als asoziale und
unästhetische, aber mächtige Wesen dar, zugleich zeigen sie das
Interesse an europäischen Importgütern, deren Menge im Laufe des
Jahrhunderts stark zunahm. Parallel dazu verfestigte sich in Europa das
Bild von Benin als entartete Stätte von brutalsten Menschenopfern, als
„City of blood“ und Golgotha“. Wirtschaftliche und vermeintlich
humanitäre Gründe vermischten sich bei der Verurteilung des „Gesetzes des
Fetischs“ des Oba. Diese negative Stereotypisierung diente zur
Rechtfertigung der sogenannten britischen Strafexpedition, die 1897
das unabhängige Reich schließlich unterwarf.
Die Zerstörung des unabhängigen Königreichs 1897 Die
1892 im Schutzvertrag mit dem Nigerküstenprotektorat unter Druck
festgesetzten Abmachungen schränkten die Souveränität von Oba
Ovonramwen stark ein. Eine solche vertragliche Form der
Machtbegrenzung war in der Vorstellung des Königreichs Benin undenkbar,
sie wurde deshalb auch nicht als solche wahrgenommen und natürlich
nicht beachtet. Die Briten sahen darin eine Verletzung des Vertrages.
Vor diesem Hintergrund unternahm der ehrgeizige und unerfahrene
Vizekonsul James R. Phillips im Januar 1897 eine Expedition nach Benin.
Den Hinweis, Oba Ovonramwen könne ihn während der zu diesem Zeitpunkt
stattfinden Reichszeremonien nicht empfangen, missachtete Phillips.
Gefolgsleute des Oba schickten daraufhin innerhalb eines Monats
Truppen zur Vergeltung nach Benin. Das 1200 Marinesoldaten und 1700
Träger umfassende Kontingent nahm am 18. Februar 1897 die Hauptstadt
ein.
Den Ereignissen wurde in der britischen Presse breite
Aufmerksamkeit geschenkt; charakteristisch für die Propaganda gegen
Benin sind die Reportagen in dem populären Magazin „The Illustrated London
News“. Lediglich in der proto-nationalistischen Presse der neuen Städte
Westafrikas erhoben sich kritische Stimmen gegen das Vorgehen des
Empire.
Im Zuge der Eroberung zerstörte ein Feuer ungeklärten
Ursprungs große Teile der Stadt. Der königliche Palast und die
Residenzen der Würdenträger wurden geplündert, Messing und
Elfenbeinarbeiten gesammelt, um nach England transportiert zu werden, wo sie zur nachträglichen
Begleichung der Kriegskosten beitragen sollten.
Im September
des gleichen Jahres klagte die Kolonialregierung König Ovoramwen an. Es wurde festgestellt, dass er für den Angriff auf den
Expeditionszug von Phillips nicht verantwortlich war, und er wurde nach
Calabar verbannt, wo er 1914 starb. Von den ebenfalls unter Anklage
stehenden Würdenträgern begingen zwei Selbstmord, vier wurden
hingerichtet. Im kollektiven Gedächtnis der Edo nehmen diese
einschneidenden Ereignisse, die das Ende des unabhängigen Königreichs
Benin bedeuteten, einen zentralen Platz ein und sind heute Thema viele
Messingarbeiten.
Beute – Ware – umkämpfte Museumsschätze – antike Kunst – Exotika
Rezeption der Kunst aus Benin in Europa Im
Zuge der Zerstörung der Hauptstadt Benins und der Zerschlagung des
Reiches wurden die Kunstwerke aus dem königlichen Palast erbeutet und
nach England gebracht. Die in Europa bis dahin weitgehend unbekannten
Werke erregten großes Aufsehen in der Presse und Fachwelt. Man hatte bisher zur Rechtfertigung der Eroberung das Königreich und seine
Bevölkerung als „degenerierte Kultur“ und „degradierte Rasse“
beschrieben. Dem widersprach, dass die erbeuteten Stücke in ihrer hohen
ästhetischen und technischen Qualität und der eher realistischen
Gestaltung der damaligen europäischen Auffassung von Kunst nahe kamen.
Manche Forscher hielten es für ausgeschlossen, dass so bedeutende
Kunstwerke ohne äußere Einfluss in Afrika entstanden sein konnten. Man
spekulierte über altägyptische Ursprünge oder die Einführung der
Gusstechnik durch die Portugiesen. Museumsfachleute wie Charles H. Read
vom Britisch Museum, der Berliner Kustos Felix von Luschan, der Wiener
Kustos Franz Heger oder der Hamburger Justus Binckmann, aber auch
wohlhabende Sammler erkannten jedoch den afrikanischen Ursprung der
Kunstwerke, deren herausragende Qualität sie mit jenen des
Renaissancekünstlers Benvenuto Cellini verglichen. Angetrieben vom
imperialen Impetus, der die damalige Museumspolitik prägte, entwickelte
sich ein Wettlauf um den Benin-Stücke, die schnell hohe Preise
erzielten. Die meisten gelangten bis ca. 1910 über Auktionen sowie den
Kunsthandel in europäische und amerikanische Museen und Privatsammlungen, auch in Nigeria selbst entstand für die dort verbliebenen
Stücke. Britische Forscher und Presse klagten bald, dass „ihr nationales
Erbe“- das Zeugnis des Triumphs über die „Barbarei“ Benins – gerade an
die deutschen Museen ausverkauft wurde.
Die explizite Anerkennung
als Kunst afrikanischen Ursprungs führte jedoch nicht zu einer Revision
des rassisch geprägten Diskurses über Wildheit bzw. Degeneration Benins
und Afrikas. Die Stücke wurden zur überraschenden Ausnahme sowie als
„Altertümer“ bzw. „antike“ Kunst deklariert, die ihren Höhepunkt im
16./17. Jahrhundert, gefolgt von einem rapiden Niedergang, gehabt habe.
Damit wurden die Kunstwerke aus ihrer Verbindung mit dem gegenwärtigen
Königreich und dessen Bevölkerung herausgelöst, die bislang politisch
begründete Degenerationsthese kulturell untermauert und nicht zuletzt
der Wert der Objekte gehoben. Vertreter der europäischen Avantgarde, etwa
Mitglieder der Brücke, rezipierten Benin Werke auf undifferenzierte
Weise als Beispiel exotischer bzw. primitiver Kunst in ihrem Werk oder
erwarben wie Picasso Stücke für ihre Sammlung.
Transformation und Neudeutung des Königtum Benin nach 1914 Nach
17-jähriger Unterbrechung der königlichen Nachfolge setzten die Briten
1914 im Rahmen ihrer Kolonialverwaltung (indirect rule) Ovoramwens Sohn
als neuen König Oba Eweka II. ein. Dieser spielte eine wichtige Rolle
für die Revitalisierung und Neuformulierung des Königtums Benin. Eweka
II. ließ den zerstörten Palast wieder aufbauen und die Ahnenaltäre mit ihrer
zentralen Funktion für das Königtum wieder herstellen. Dies brachte ein
Wiederaufleben des Messinggusses und der Elfenbeinschnitzerei mit sich.
Erstmals schufen die Künstler mit Erlaubnis des Königs ihre Werke nicht
mehr nur für den Palast, sondern auch für den Verkauf. 1933 wurde Ewekas
Sohn Akenzua II. gekrönt, dem 1979 der heute noch amtierende Oba
Erediauwa (geb. 1923) folgte.
Das Königtum von Benin hatte zwar
mit der Kolonialisierung seine wirtschaftliche und politische
Unabhängigkeit verloren, doch es spielte immer noch eine wichtige Rolle
für die soziokulturelle Identität der Edo in und außerhalb Benins. Die
Bedeutung des Oba und seiner „Chiefs“ zeigt sich deutlich in den
alljährlich stattfindenden aufwändigen Zeremonien im Palastbereich. Die herausragende Position des Oba basiert auf der religiösen Verehrung durch
die Edo, auf der Bindung der vielen Amtsträger mit dem Königtum und auf
seiner richterlichen Funktion im Gewohnheitsecht. Benin-City ist heute
eine über 1 Million Einwohner zählende moderne Großstadt, die durch
ihre kulturelle, religiöse und sprachliche Vielfalt und Vitalität
geprägt ist. Bei der Neuformulierung des Königtums seit 1914
spielen Kunstwerke und die ihnen zugeschriebenen Bedeutungen eine
wichtige Rolle.
Zeitgenössische Künstler glorifizieren in
ihren Arbeiten die Vergangenheit und dienen der Legitimierung der
gegenwärtigen Autorität. Die Auffassung von der Geschichte Benins wurde
so durch Re-Interpretation des vorhandenen Bildrepertoires kanonisiert.
Das Herstellen erinnernder Kunstwerke spielt dabei eine so wichtige
Rolle wie die wissenschaftliche Forschung und die Fixierung lokaler
mündliche Geschichtsüberlieferungen. So entstand die bisher letzte
Transformation und Neudeutung des Königtums als einer unveränderlichen,
„traditionellen“ Gesellschafts-Ordnung.
Alte und neue Werke
stellen darüber hinaus heute Ikonen panafrikanischer und
nationalstaatliche nigerianischer Identität dar. Sie sind zugleich
Mittel der Selbstbehauptung der Bevölkerung des alten Königreichs im
multiethnischen Nigeria, aber auch in der amerikanischen und
europäischen Diaspora.
Benin in Berlin Das
Königreich Benin – von den Briten 1897 erobert und zerstört – ist mit
einer Sammlung von über 500 Werken seit mehr als 100 Jahren auch in
Berlin präsent. In der Kolonialzeit eigneten sich die Europäer die Welt
materiell und intellektuell an. Mit der Gründung des königlichen
Museums für Völkerkunde 1873 als unabhängige Einrichtung verstärkte
sich die Sammlungs- und Forschungstätigkeit auch in Afrika. Die Zeit
zwischen der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 zur kolonialen Aufteilung
Afrikas und dem Beginn des ersten Weltkriegers brachte der
‚Afrika-Abteilung einen Zuwachs von über 50.000 Stücken. Der 1886
eröffnete, pompöse Neubau des Museums für Völkerkunde mit seinen
weltweit zusammengetragenen Objekten war ein Teil der preußischen
Selbstdefinition als aufsteigende Imperialmacht. Die Zahl der
Benin-Objekte ist vergleichsweise gering, ihre Bedeutung für die
Geschichte und Kunst Afrikas macht sie jedoch zu einer de wichtigsten
Objektgruppen in den Berliner Sammlung.
Felix von Luschan, der
Leiter der Afrika- und Ozeanien-Abteilung bis 1911, sah diese Bedeutung
sofort, als die erste Werke aus dem zerstörten Königreich Benin 1897 in
London auf den Markt kamen. Innerhalb von 15 Jahren erstand er
Auktionen in London, bei Händlern und Sammlern den Großteil der
Benin-Sammlung des Ethnologischen Museums. Es kam zu einer regelrechten
Jagd nach den besten Stücken, bei der Museen und Sammler konkurrierten.
Für Luschan handelt es sich bei den Objekten aus Messing und Elfenbein
um Kunstwerke von herausragender Qualität, die er mit den Erzeugnissen
europäischer Renaissancekünstler gleichsetzte:
„Unsere
Benin-Bronzen stehen nämlich auf der höchsten Höhe de europäischen
Guss-Technik. Benvenuto Cellini hatte sie nicht besser gießen können
und niemand sonst, weder vor noch nach ihm, bis auf den heutigen Tag.“ (1898)
Luschan
widersprach der damals verbreiteten Meinung, dass die hohe technische
und ästhetische Qualität der Stücke auf eine altorientalische oder
altägyptische Herkunft verweise, und betonte ihren afrikanischen Ursprung.
Die Herstellung von Messingobjekten
Im
vorkolonialen Benin stand die Herstellung von Messingplastiken unter
der Kontrolle des Königs. Die Gießer gehörten zu einer der
ranghöchsten Handwerksgilden, und ihre Erzeugnisse waren ausschließlich
für den Palast bestimmt. In der Kolonialzeit begannen die Gießer – mit
Billigung des damaligen Oba - auch für andere Kunden zu arbeiten und
neue Formen zu verwenden. Heute sind viele Gießer unabhängig vom Gilden
System.
Die bis heute praktizierte Technik des Messinggusses
ist das Wachsausschmelzverfahren (Guss in verloren Form). In der
ungefähren Größe des geplanten Werkes wird ein Kern aus rotem (Laterit)
hergestellt. Über den getrockneten Tonkern formt der Künstler mit
Bienenwachs das spätere Objekt.
Das Modell aus Bienenwachs wird
mit einer ersten Lage Laterit –Erde und danach einer zweite Lage aus
gröberer Tonerde überzogen. An der Unterseite werden Guss-Kanäle aus
Wachs angebracht und ebenfalls mit Tonerde umhüllt. Dann wird das
Modell in dem Tonmantel einige Tage getrocknet.
Nachdem der
Gießer das in Ton gekleidete Modell über einem Feuer erhitzt hat, lässt
er das flüssige Wachs durch die Gusskanäle ablaufen. Dieses wird zur
Wiederverwendung aufgefangen. Nun wird das geschmolzene Messing in die
so entstandene Form gegossen. Diese kühlt etwa eine Stunde lang aus.
Wenn der Tonmantel entfernt wird, zeigt sich das fertige Produkt in der
gleichen Gestalt wie das ursprüngliche Wachsmodell. Da die Form
bei jedem Guss „verloren“ geht („Technik der verlorenen Form“) handelt
es sich bei Objekten immer um Einzelstücke. Für alle größeren Werke,
insbesondere die Reliefplatten, ist das Herstellungsverfahren aufwändig
und langwierig. Es erfordert großes künstlerisches und technisches Können.
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